
Der Text ist ein Auszug aus der Rede, die ich am Praxisjubiläum gehalten habe.
Im März habe ich all meine Kunden, Ärzte, andere Therapeuten, Fußpfleger, Sanitätshäuser und andere Patienten in der Region eingeladen. Ich habe einen kleinen Minikongress organisiert und habe auch die 3 großen Strumpfhersteller hier in Norwegen eingeladen. Diese hatten ihren eigenen Stand und durften alle einen Vortrag halten um ihre Produkte vorzustellen. Es waren so viele Leute da, es war ein richtig schöner und gelungener Abend! In der Gallerie unterm Text gibt es auch ein paar Bilder vom Abend.
Dass wir in Norwegen gelandet sind, war ein bisschen zufällig, und der Plan war eigentlich, dass wir nur etwa zwei Jahre hier bleiben würden – aber Spoiler: Es kam anders. Als ich im Mai 2015 hier ankam, war es eigentlich eine sehr schlechte Zeit, nach Norwegen zu kommen – mitten in der Ölkrise. Viele Stellen wurden gestrichen, und Physiotherapiekliniken schlossen. Keine gute Zeit, um einen Job zu suchen.
Aber es war auch eine spannende Zeit – alles war neu! Von den Produkten im Laden bis hin dazu, wie man einen Bus anhält. Ich hatte keine Ahnung, wie die Dinge hier in Norwegen funktionierten. Wir kannten eigentlich niemanden, also mussten wir alles selbst herausfinden.
Am Anfang war ich sehr optimistisch, aber ich stellte schnell fest, dass es keine Jobs für mich als Physiotherapeutin gab, vor allem nicht im Krankenhaus oder in der Gemeinde. Die Chance, im Lotto zu gewinnen, war wohl größer. Das System hier ist so anders als in Deutschland. Aber natürlich gebe ich nicht so leicht auf.
Ich nahm mein Fahrrad – wir hatten kein Auto – und fuhr von Klinik zu Klinik, um Bewerbungen abzugeben und andere Physiotherapeuten kennenzulernen. Aber das war nicht so einfach. Oft waren es kleine Kliniken, in denen nur eine Person arbeitete, oder Kliniken, die so gut in einem Industriegebiet oder Wohngebiet versteckt waren, dass ich nicht einmal den Eingang fand. Teilweise fehlten Straßenschilder und Hausnummern, und einige Straßen waren Sackgassen. Aber eines ist sicher: Ich lernte Sandnes sehr gut kennen! Besser als viele andere.
Als ich es endlich schaffte, eine Klinik und den Eingang zu finden, gab es oft keine Rezeption, sodass es nicht einmal möglich war, eine Bewerbung abzugeben oder jemanden zu kontaktieren. Alles war so anders als in Deutschland.
Nach ein paar Monaten kam ich in Kontakt mit einer Physiotherapeutin, die ihre Klinik für die Hälfte der Woche vermietete. Sie hatte einen Raum in einem Ärztezentrum in Stavanger und versprach mir, dass viele Patienten vom Ärztezentrum kommen würden.
Aber dafür musste ich selbstständig werden. Das war eigentlich nichts, was ich wollte. In Deutschland ist es sehr kompliziert, sich selbstständig zu machen – viele Regeln und Herausforderungen. Aber wie die Therapeutin es beschrieb, klang es hier einfacher. Trotzdem hatte ich keine Ahnung, wie die Dinge funktionierten.
Aber ich las mich ein – mit dem bisschen Norwegisch, das ich bis dahin konnte – und so wurde „Ann-Katrin Schimmele Physiotherapie, Lymphdrainage und Training“ geboren. Ich eröffnete ein Konto, aber ich bekam nicht einmal einen eigenen Mobilfunkvertrag – mein Mann musste ihn bezahlen, weil ich keine Kreditwürdigkeit hatte. Ich kaufte das Nötigste an Büromaterial und Buchhaltungssoftware – ich hatte ja keine Ahnung von Buchhaltung, schon gar nicht in Norwegen, auf Norwegisch.
Alles musste ich lernen.
Ich lernte Norwegisch, aber in einem Sprachkurs lernt man nicht, wie das Schlüsselbein auf Norwegisch heißt. Also musste ich herausfinden, wie ich einen norwegischen Befund erstelle. Ich erstellte meine eigene Website und Broschüren, die ich verteilen konnte. Und denk dran – damals gab es noch kein ChatGPT!
Ich musste ein Konzept entwickeln und hoffen, dass die großen Ausgaben irgendwann wieder reinkommen würden. Es war ein gewisses Risiko, auf die Selbstständigkeit zu setzen.
In dieser Zeit schrieb ich in mein Tagebuch, dass die Nachbarn wahrscheinlich mein Herz schlagen hören konnten.
Ich schrieb auch eines Tages im Oktober, dass ich am Wochenende nicht produktiv sein konnte, weil ich auf meine Organisationsnummer (sowas wie die Steuernummer) warten musste. Ohne die konnte ich nicht weitermachen. „Das ist Horror für mich“, schrieb ich. Also war ich wohl immer schon so, wie ich jetzt bin.
Dann kam mein erster Arbeitstag, Montag, der 2. November 2015. Ich war so nervös! Ich versuchte, mich bestmöglich vorzubereiten, aber es kann ja immer etwas Unerwartetes passieren.
Der Wecker klingelte um 5:30 Uhr. Um 8:00 Uhr wollte ich in der Klinik sein, also musste ich den Bus um 6:30 Uhr nehmen. Ich hatte einen großen Rucksack dabei – mit Essen, Getränken, meinem Tagebuch und den Hausaufgaben vom Norwegischkurs.
Ich wartete gespannt in meinem Raum und lauschte, ob jemand an die Tür klopfte oder ob mein Handy klingelte. Nichts.
Um 11:30 Uhr sollte ich mit den Ärzten aus der Praxis Mittag essen. Ich war immer noch super nervös. Den ganzen Tag über, meine Hände zitterten, und ich hatte keinen Appetit. Niemand kannte mich, sie wussten nicht einmal, dass eine neue Physiotherapeutin kommen würde. Aber sie waren eigentlich ganz nett.
Am Nachmittag klopfte es tatsächlich an die Tür. Ein Mann fragte, ob ich eine Vereinbarung mit der Gemeinde hätte. Nein, antwortete ich, und dann ging er wieder.
Um 15:30 Uhr schloss die Arztpraxis, und mir wurde gesagt, dass ich spätestens um 16:00 Uhr draußen sein müsste. Das war neu für mich – in Deutschland ist es nicht üblich, dass eine Arztpraxis so früh schließt.
So endete mein erster Arbeitstag, und ich nahm um 16:30 Uhr den Bus nach Hause. Um 17:30 Uhr zuhause angekommen, war ich endlich nicht mehr nervös. Ich war völlig erschöpft, obwohl ich eigentlich nichts gemacht hatte. Was für ein Tag! So viel Neues, so oft außerhalb der Komfortzone – ein echtes Abenteuer!
Die ersten Tage waren ziemlich ähnlich, aber der 9. November war ein besonderer Tag – ich hatte meinen ersten Kunden. Jede Woche kam ein neuer Kunde dazu. Eine davon war eine Frau aus meinem Norwegischkurs. Das war eigentlich sehr lustig. Sie konnte ihre Beschwerden nicht auf Norwegisch erklären, also wurde die Behandlung eine Mischung aus Norwegisch, Englisch und Spanisch. Der Vorteil von Spanisch ist, dass oft lateinische Wörter verwendet werden, also funktionierte es eigentlich ziemlich gut.
Ich verstand schnell, dass ich nicht so viele Patienten vom Ärztezentrum bekommen würde, wie mir versprochen wurde. Tatsächlich hatte ich von dort immer noch keinen einzigen. Also begann ich 2016, E-Mails an alle Sportvereine in Stavanger, Sandnes und Sola zu schicken, um herauszufinden, ob sie einen Trainer, Therapeuten oder Vorträge über Sportverletzungen brauchten.
Ich druckte auch 300 Flyer aus, die ich zusammen mit einem Zettel heften musste – sehr „spaßige“ Arbeit, aber zumindest besser als nur zu warten. Diese wollte ich in den Wohnblöcken rund um das Ärztezentrum in Stavanger verteilen. Aber ich machte schnell die gleiche Erfahrung wie mit meinem Fahrrad – man kommt ja nicht in diese Blöcke rein, oder auf den Briefkästen steht: „Keine Werbung, bitte.“ Also verteilte ich nicht viele Flyer.
Da ich nicht so viele neue Kunden bekam, beschloss ich, meine Klinik nach Sandnes zu verlegen. Dort verteilte ich hunderte von Flyer und hatte sogar einen internen Wettbewerb mit dem Postboten – konnte ich meine Broschüren schneller verteilen, als er die Post zustellte? Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen! Nur so bekommt man ein Erfolgserlebnis und kann besser werden.
Mit der Zeit wuchs die Praxis, und ich hatte mehr zu tun. Ich lernte mehr über Norwegen und wie die Dinge hier funktionieren. Meine Patienten haben mir neue Wörter beigebracht und meine Sätze korrigiert. Es ging also voran. Meine Praxis und ich machten definitiv Fortschritte, aber ich nannte es immer noch ein „bezahltes Hobby“ – weit entfernt von etwas, wovon ich leben konnte.
Es gab auch viel ungenutztes Potenzial. Zum Beispiel meine Weiterbildung in der Lymphödem- und Lipödembehandlung. Die meisten Physiotherapeuten, mit denen ich sprach, wussten nicht einmal, was das ist. Das war ein großer Schock, als ich nach Norwegen kam! So schade, dachte ich, eine Ausbildung zu haben, die ich nicht einmal nutzen kann. Es gab kaum Informationen darüber auf Norwegisch.
2017 bekam ich einen Kunden mit starken Schwellungen. Ich wollte ihm wirklich helfen, Kompressionsbestrumpfung zu bekommen, aber ich wusste nicht wie. Ich suchte wieder im Internet und jetzt, zwei Jahre später und besser im Norwegischen, fand ich die Lymphödemverein. Das half zwar diesem Kunden nicht direkt, aber ich beschloss, Mitglied zu werden, um eine wichtige Sache zu unterstützen.
Plötzlich erhielt ich eine Einladung zu einem Mitgliedertreffen. Ich hatte eigentlich nicht vor, hinzugehen, da ich ja kein Patient war. Aber Marco meinte, es sei eine großartige Gelegenheit, zu lernen, wie die Dinge in Norwegen funktionieren und wo Patienten ihre Kompressionsbestrumpfung bekommen könnten. Nach einigem Hin und Her beschloss ich, doch hinzugehen – mit dem Plan, mich in der Menge zu verstecken.
Spoiler: Es lief nicht wie geplant.
Ich öffnete die Tür und wurde mit einem „Willkommen, Ann-Katrin!“ begrüßt. Es waren vielleicht 10–15 Personen da, und die kannten sich untereinander alle gut. Wenn also ein neues Mitglied kam, wussten alle, wer es war. Ich fühlte mich richtig unwohl, als sie fragten, wer ich war und was ich hatte, und ich gestehen musste, dass ich „nur“ Physiotherapeutin war. Aber sie fanden es total cool, dass sich eine Physiotherapeutin angemeldet hatte. Es war ihnen überhaupt nicht unangenehm, dass ich kein Patient war.
In den Gesprächen sprachen sie über verschiedenste Kompressionsstrümpfe und dass die Physiotherapeuten diese verordneten. Eine von ihnen erwähnte, dass sie Strümpfe von Medi hatte. Diesen Strumpfhersteller kannte ich gut – eine große Marke in Deutschland.
Als ich nach Hause kam – um eine Erfahrung reicher, aber auch mit neuen Informationen – googelte ich am nächsten Tag, ob ich eine Website von Medi in Norwegen finden konnte. Ich rief sie an und erfuhr, dass ich erst dann Kompressionsstrümpfe bestellen konnte, wenn ich einen Vertrag mit dem Helseforetak hatte.
Hm, was in aller Welt ist ein Helseforetak?
(Ist tatsächlich auch gar nicht so einfach das ins deutsche zu übersetzen, da wir diese Instanz so gar nicht haben. Bei uns ist entweder das Gesundheitsamt oder die selbige Krankenkasse für die Dienste verantwortlich.)
Also wieder googeln. Ich fand heraus, dass es wahrscheinlich eine Abteilung im Krankenhaus war, die dafür verantwortlich war. Ich erinnere mich nicht, zu wie vielen Abteilungen ich durchgestellt wurde – niemand wusste, wer zuständig war. Aber schließlich fand ich die richtige Abteilung: die Abteilung für Behandlungshilfsmittel. (Ganz einfach wenn man weiß wonach man sucht.)
Endlich konnte ich die richtige Abteilung anrufen! Sie baten mich, meine Unterlagen einzusenden, und plötzlich hatte ich einen Vertrag mit ihnen. Jetzt konnte ich endlich Kompressionsstrümpfe für meine Patienten bestellen!
So entwickelte es sich – von der anfänglichen Wartezeit, dass jemand an die Tür klopfte, über die Behandlung eines einzelnen Lymphödempatienten bis hin zu einer Praxis, die sich heute fast ausschließlich auf Lymphödem- und Lipödembehandlungen konzentriert.
Jetzt müssen meine Patienten eineinhalb Jahre warten bevor sie einen Termin bei mir bekommen.
Was für eine Reise – sowohl persönlich als auch beruflich! Hätte mich vor zehn Jahren jemand gefragt, hätte ich nie gedacht, dass ich in Norwegen leben würde – und schon gar nicht, dass ich eine eigene Praxis habe, die ihr 10-jähriges Jubiläum feiert.
Der Weg hierher war hart, mit Höhen und Tiefen und vielen Hindernissen, die ich überwinden, überspringen oder umgehen musste. Ich musste Lösungen finden, wie ich sie meistern konnte.
Und ohne Marco, der mich die ganze Zeit unterstützt hat, mich angefeuert hat und gesagt hat: „Das schaffen wir! Wir finden eine Lösung!“, wäre ich heute nicht hier.
Zusammenfassend:
Es war – und ist immer noch – ein Abenteuer, in Norwegen zu sein und eine eigene Praxis zu haben! Ich habe viel Neues gelernt und mich sowohl fachlich als auch persönlich weiterentwickelt.
Die wichtigste Lektion, die ich aus diesen Jahren mitgenommen habe, ist, dass man niemals aufgeben darf. Man muss hart für seine Ziele kämpfen.
Träume groß, aber warte nicht darauf, dass etwas passiert – du musst selbst aktiv werden, damit es geschieht!
Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere – aber du musst sie suchen, nicht nur hoffen, dass sie erscheint.
Ich bin unglaublich stolz, dass meine Praxis – etwas, das ich mir nie hätte vorstellen können – mein kleines „Baby“ geworden ist und jetzt ihr 10-jähriges Jubiläum feiert.
Alles, was ich auf dieser Reise erlebt habe – einfach unglaublich!











[…] Jubiläum meiner Praxis eine kleine Rede geschrieben, diese hab ich auf deutsch übersetzt. Die findest du hier (ein Rückblick meiner Karriere […]
[…] teilnehmenden. Wer gerne mehr über meinen beruflichen Rückblick erfahren möchte, kann sich den Blogeintrag hier […]